Wenn „healthy“ zur Sucht wird

Die folgende Geschichte ist fiktiv. Sie handelt weder von mir, noch einer mir bekannten Person und stammt einzig und allein aus meinem Kopf.

„willst du ein Stück?“ Deine Arbeitskollegin hält dir eine Tafel Schokolade vor die Nase. „nein danke, ich mag grade nichts. Vielleicht später :-)“ sagst du. Sie zuckt mit den Schultern und steckt sich genüsslich ein Stück Schoki in den Mund. Du guckst ihr forschend dabei zu. Deine Lieblingsschokolade. Wann hast du eigentlich zuletzt Schokolade gegessen? Ja, das war vor ca. 2 Wochen. An einem Donnerstag. Das weißt du noch ganz genau. Du hättest auch jetzt gerne ein Stückchen genommen. Oder am besten gleich 2, 3 oder 4. Aber das geht nicht. „nein!“ sagt dir dein Gewissen. Denn schließlich war eben gerade Mittagspause. Da hast du deine Tupperdose ausgepackt und deinen Gemüse-Fleisch-Wasauchimmer Mix gefuttert. Die anderen haben Döner bestellt. Du wolltest natürlich keinen. Denn dein Mitgebrachtes Essen schmeckt ja viel besser und ist so verdammt healthy. Während du auf deinem Brokkoli kaust, guckst du den anderen dabei zu, wie sie ihre Döner auspacken. Wie gut das wieder riecht! Reiß dich zusammen! denkst du und bist schon ein wenig wütend auf dich selbst. Allein deswegen, weil du daran denkst, dir genüsslich nen fetten Döner reinzuschieben. Dich weiter ärgernd bist du in Gedanken schon beim heutigen Abend. Um 17 Uhr hast du Feierabend, danach geht’s direkt ins Studio. So bist du um 19 Uhr wieder zuhause und es bleibt genug Zeit zum kochen und das Essen für Morgen vorzubereiten. Noch 15 Minuten Mittagspause. Dein Handy vibriert. WhatsApp. Deine beste Freundin schreibt dir, wies denn jetzt mit Morgen Abend aussieht. Sie und ein paar Andere wollen in ein Amerikanisches Burgerrestaurant gehen. Die anderen fragen dich schon gar nicht mehr, ob du mit willst. Sie ist die Einzige. Du bist hin und her gerissen. So ein geiler saftiger Burger mit extra Bacon und Pommes. Zum Nachtisch vielleicht noch ein Ben&Jerry’s Half baked. Dein Lieblingseis. Dir läuft das Wasser im Mund zusammen. Hey Liebes. Nein sorry, ich komm nicht mit. Wir sind morgen bei Freunden meiner Eltern zum Essen eingeladen. Das nächste Mal bin ich wieder dabei!

Stimmt nicht. Dein einziger Plan fürs Wochenende besteht aus Sport, kochen, chillen. Und dir fällt ein, dass du ja am Samstag auf Omas Geburtstag musst. Da gibt’s Schwarzwälderkirschtorte. Deine Lieblingstorte! Du wirst wohl kaum ein Stück abschlagen können, dann meckert Oma wieder rum. Sowieso versteht keiner so Recht, was mit dir los ist. Naja, fest steht, du kannst nicht Freitag Abend Burger essen, wenn es Samstag schon Torte gibt! Das geht nicht! Die Pause ist vorbei. Nachdenklich gehst du zurück zu deinem Schreibtisch.

Das Mädchen im Text könntest du sein? Dann nimm dir 10 Minuten Zeit und lies meine folgenden Worte:

Das Mädchen in der Geschichte ist erfunden. Das ganze wird für einige übertrieben wirken und nicht nachvollziehbar. Das freut mich für euch :-). ihr seid gesund. Habt eine positive Einstellung zum Essen. Es geht euch gut und ihr genießt das Zusammenkommen mit Freunden, die Nachos mit Käse im Kino und die fette Pizza beim Gammeln auf dem Sofa mit eurem Freund.

Das hier richtet sich an alle anderen, die persönlich das Gefühl haben, die Kontrolle verloren zuhaben. Aus einer anfänglichen Diät, die ja so gut gelaufen ist, wurde ein Zwang. Nach und nach wurde alles, was ihr so super gerne esst, von eurem Speiseplan gestrichen. Milka, Haribo, Chio Chips, Eiscreme. Pizza, Döner, Cheeseburger und Nachos. Ihr könnt euch nicht mehr vorstellen, wie es ist, nicht darüber nachzudenken, was und wie viel davon ihr gegessen habt. Ihr wisst haargenau, was ihr an den letzten 3 Tagen gegessen und getrunken habt. Vielleicht wisst ihr sogar, wie viele Kalorien das waren oder die genauen Nährwertangaben. Wenn ihr euch in irgendeiner Form in dem oben Geschriebenen wiederseht und es euch dabei schlecht geht, ihr das Gefühl habt, dass ihr gesund essen MÜSST und das mittlerweile schon gar nichts mehr mit Spaß oder Wohlbefinden zutun hat, dann bewegt ihr euch auf einem schmalen Grad. Ihr seid am besten Weg, eine Essstörung zu entwickeln. Mit Essstörung (Essstörung wird im folgenden als ES abgekürzt) meine ich nicht einmal die klassischen ES wie Magersucht oder Bulimie. In meinen Augen fängt eine Essstörung dann an, wenn man sich gezwungen fühlt, nur noch nach gewissen Regeln zu Essen, Essen keinen Genuss mehr darstellt, gewisse Lebensmittel Panik bei einem auslösen und einem das große „P“ auf der Stirn steht, wenn man zu einem Essen mit Freunden oder Geburtstag eingeladen wird.

Ich möchte niemandem unterstellen krank zu sein, noch möchte ich anzweifeln, dass vielen der gesunde Lebensstil eine Freude macht und es ihnen leicht fällt, zu verzichten. Ich möchte mich an die richten, die bis hierher gelesen haben und sich angesprochen fühlen. Vielleicht wirst du traurig, wenn du das hier liest. Vielleicht musst du weinen. Vielleicht denkst du auch Das ist doch alles halb so wild. So ein Quatsch, was die da schreibt!

Ich bin kein Arzt, noch bin ich Psychologe. Ich kann keine „Krankheiten“ diagnostizieren, noch kann ich heilen oder sonstiges. Aber was ich kann ist meine Gedanken und Erfahrungen mit euch zu teilen und innerlich bei euch zu sein und euch zu unterstützen. Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass man ein Problem hat. Wenn ihr merkt, dass es bei euch nicht mehr einfach um gesunde Ernährung geht, sondern eure Gedanken rund um die Uhr ums Essen kreisen, ihr vielleicht sogar unter Fressattacken leidet, dann kann ich euch sagen, dass das nicht mehr normal ist. Das müsst ihr einsehen! Ich kann euch auch sagen, dass es euch nichts helfen wird, stundenlang durch Instagram zu scrollen und euch die super heißen Girls mit Sixpack anzugucken. Aber ich kann euch sagen, was ein Schritt in die richtige Richtung sein kann, um nicht in einem absoluten Teufelskreis zu landen. Zuerst einmal müsst ihr euch klar machen, dass nur IHR ALLEIN über euer Innerstes bestimmt (Ich gehe hier vom mental gesunden Menschen aus 🙂 ). Ihr ALLEIN entscheidet, was ihr tut. Ihr bestimmt eure Handlungen und ihr beeinflusst eure Gedanken. JEDER Tag, an dem ihr weitermacht wie bisher ist verschwendete Zeit. Jeder Tag, an dem ihr lebt mit dem Gefühl ganz unglücklich zu sein, ist ein verschenkter Tag. Ihr müsst JETZT anfangen, an euch zu arbeiten, wenn ihr glücklich werden wollt. Das heißt nicht, dass dieser Weg einfach wird. Er kostet Tränen, Geduld, Angst und es wird sicher Rückschläge geben. Aber meine Hasis, ihr wisst gar nicht, wie stark die menschliche Psyche doch sein kann :-). Und der meiner Meinung nach wichtigste Schritt zu einem gesunden Essverhalten ist SICH SELBST ZU LIEBEN. klar, jeder findet irgendwas an sich doof. Das darf man auch! Und wir sind ja schließlich Frauen ;-). Aber ab dem Moment, wo man sich NUR NOCH über seinen Körper und seine Erfolge bezüglich Ernährung und/oder Fitness definiert, läuft irgendwas gewaltig schief! Und ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von euch da draußen lernen kann sich selbst zu lieben. Für manche mag das absurd und bescheuert klingen, das ist mir egal. Ihr müsst versuchen, all die Gespenster und Monster aus eurem Kopf zu verbannen. Ihr müsst versuchen, sobald Selbstzweifel aufkommen, diese zu eliminieren. Ihr müsst euch selbst sagen, dass ihr alles schaffen könnt, was euch zu eurem Glück verhelfen kann. Denkt an die Zeit zurück, wo der „Healthy-Lifestyle“ nicht euer Leben bestimmt hat. Wieso solltet ihr nicht wieder so fröhlich werden, wie damals? Ich möchte das an dieser Stelle mit einer Liebesbeziehung vergleichen. Ihr seid 5 Jahre glücklich vergeben und werdet aus heiterem Himmel verlassen. Eine Welt bricht zusammen. Man denkt, dass man nie nie nie wieder glücklich werden kann. Vielleicht denkt man sogar daran, dass man nicht mehr Leben will und malt sich die abstrusesten Szenarien aus. Und man leidet. Vielleicht leidet man Monate, vielleicht 1 Jahr oder auch 10 Jahre – aber IRGENDWANN findet man sein Lachen und seine Lebensfreude zurück. Das ist jetzt ein ganz arges Beispiel, aber versteht ihr was ich meine?! Egal wie lang und schwer ein Weg ist, irgendwann ist er zu Ende. Jeder Weg führt an ein Ziel. Ihr müsst versuchen, ein für euch akzeptables Mittelmaß zu finden. Wenn euch jemand mit erhobenem Zeigefinger sagt „Iss doch einfach jeden Tag ein Stück Schokolade, dann klappt das auch!“ dann heißt das nicht, dass das für euch selbst funktioniert. Ich zB gehör zu den Leuten, die, wenn sie Schokolade essen, die ganze Tafel oder auch 2 futtern müssen. Also ess ich entweder diese Tafel oder ich lass es ganz bleiben. Was ich damit meine ist, dass ihr euch noch so viele Tipps holen könnt. Ihr müsst ganz tief in euch reinhorchen und rausfinden, was für euch das Wahre ist. Ihr dürft euch nicht ununterbrochen mit anderen Mädchen vergleichen und irgendetwas nacheifern. Wem wollt ihr was beweisen? Euch selbst? Mit dem Resultat unglücklich und traurig zu sein? Beweist euch doch einfach einmal selbst, dass ihr stark seid! Dass ihr das beste aus eurem Leben machen wollt. Ihr seid jung, ihr wollt wahrscheinlich (zumindest die meisten) mal heiraten und Kinder bekommen. Ihr wollt ein schönes Häuschen haben, ihr wollt vielleicht beruflich erfolgreich sein. Und wieso sollte so ein Grundakt des Menschen wie Essen euer ganzes Leben bestimmen? Wieso sitzt ihr am Wochenende alleine zuhause rum, wenn ihr doch eigentlich gern feiern geht und Alkohol trinkt?

Jetzt hab ich hier stundenlang rumgeschrieben und dabei ist es doch eigentlich so einfach: Verbannt all das schlechte aus eurem Leben. Sind es Menschen, die euch nicht gut tun. Sind es Dinge wie Instagram oder Fitnessseiten, die euch traurig und unzufrieden machen. Haltet an den positiven Gedanken fest! Es sind keine da? Dann ruft sie hervor! Ich bin mir sicher, dass sie in jedem von euch stecken. IHR MÜSST ES WOLLEN!

Ich hoffe, dass dieser „kleine Blogpost“ vielleicht für manche von euch eine klitzekleine Hilfe ist. Dass er manchen von euch Mut macht oder Hoffnung gibt.

Abschließend will ich sagen, dass wenn all das nicht hilft, wenn ihr das Gefühl habt, den Boden unter den Füßen zu verlieren: Sucht euch Hilfe! Es gibt einen Haufen guter Therapeuten und Beratungsstellen in Deutschland! Vielleicht kostet es viel Mut, vielleicht findet ihr nicht sofort jemanden, von dem ihr euch verstanden fühlt. Aber das ist wie im richtigen Leben auch, mann kann nun mal nicht jeden mögen. Sucht jemanden, bei dem ihr euch verstanden fühlt und der euch helfen kann!!

Ich hab euch lieb

Nati

5 Kommentare zu “Wenn „healthy“ zur Sucht wird

  1. Ich hab mich in deinem Text wiedererkannt😔 egal was ich auch essen will ich muss immer davor überlegen.. DARF ICH? IST DAS ZU KALORIENREICH? ZU VIELE CARBS? Es ist schrecklich und ich will das nicht mehr.. ‼️.. Ich finds super was du machst bzw. das du dich mit dem Thema beschäftigst.. Ich werde mir selbst helfen, ich hab eingesehen es muss sich was ändern.

    • Hallo Liebes. Erst einmal ist es große Klasse, dass du selbst eingesehen hast, dass etwas nicht stimmt. Und ich finds sooo toll, dass du was ändern willst an deiner Situation! Du schaffst das, wenn du nur willst und ich glaub an dich!
      Deine Nati

  2. Hallo, super toller Post ! Super dass du dich mit diesem Thema auseinander setzt, denn es gibt viele die die Kontrolle verloren haben. Ich persönlich denke immer bei allem was ich esse, dass ich es nicht darf und das ist kein gutes Gefühl. Ich sehe auf Instragram diese tollen Mädchen und ich will auch so aussehen, aber ich sehe bei mir keine Erfolge… Und da motiviert so ein toller Text wie deiner immer weiter zu machen an sich nicht durch mangelndes Selbstbewusstsein einschüchtern zu lassen. Und nicht immer in Gedanken zu sagen, dass man es sowieso nicht schaffen kann. Danke für diesen Post 🙂

    Nathalie

  3. hallo !
    Ich habe mich leider auch wieder erkannt..
    Bis Mai war ich 4-5 x im Studio und habe gesund und ausgewogen gegessen aber auch mal ne Pizza oder so.. Dann habe ich die Diagnose einer chronischen Krankheit bekommen und kann bis heute keinen Sport mehr machen. Seitdem kommt es immer wieder vor,dass ich teilweise esse obwohl ich keinen Hunger habe und mich aus schlechtem gewissen übergebe. Ich fühle mich so unwohl in meinem Körper .. Aber ich habe einfach das Gefühl, dass das Leben einfach gegen mich spielt – alles läuft schief..
    Ich darf aber ganz langsam wieder mit dem Sport anfangen und hoffe, dass sich das von selbst legt..

  4. Es ist gruselig, aber ich habe mich in jedem Wort wieder gefunden. Als ich mit Sport & gesunder Ernährung anfing, habe ich Erfolge erzielt (43kg in 2 1/2 Jahren), aber irgendwann wurde dieser „healthy lifestyle“ zu einer Besessenheit und ist es eigentlich immer noch. Ich esse gerne gesund, muss mich also nicht zwingen und schaffe es manchmal auch, mir etwas in kleinen Portionen zu gönnen, aber leider fast nie ohne schlechtes Gewissen oder im Hinterkopf zu haben:“Okay, dafür musst du jetzt extra trainieren.“ Den ganzen Tag denke ich darüber nach, was ich essen kann, damit es gesund bleibt und am besten nicht zu fettig ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht trainieren gehe. Ich bin mir zu 100% bewusst, dass es so nicht richtig ist, aber irgendwie hänge ich fest. Ich denke, dass ich mir wirklich Hilfe suchen werden.

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