Die Sucht nach dem Essen

„Ach Nati, du warst die ganze Woche so diszipliniert. Jetzt darfst du dir auch ein bisschen Schoki gönnen!“ Ich ging zum Schrank, nahm die Milka Tafel raus, setzte mich auf mein Bett und brach mir ein Stück ab. „Heute genießt du! Die halbe Tafel, dann reichts aber auch.“ Ich steckte mir ein Stück Schoki in den Mund und ließ es langsam zergehen. Lecker. Doch niemals blieb es dabei.keine 10 Minuten später saß ich im Auto, konnte an nichts anderes denken als an ESSEN. Ich fuhr viel zu schnell, wollte ich doch so schnell wie möglich mein Verlangen stillen. Schnell zum Penny Markt, denn der war nur 500m von unserem Haus entfernt. Am Obst und am Gemüse lief ich mit schnellen Schritten vorbei. All die Dinge, die sonst in den Einkaufswagen wanderten, würdigte ich keines Blickes. Ich lief schnurstracks auf die Sachen zu, die ich sonst mit gierigen Blicken aus sicherer Entfernung beäugte. Die Sachen, die all die anderen Menschen sonst selbstverständlich in ihren Einkaufswagen legten. Die Menschen, die ich sonst an der Kasse argwöhnisch musterte. All die Schokolade und der ungesunde Kram im Wagen, wie können die nur… jetzt stand ich an der Kasse. 3 Tafeln Schokolade, ne Tüte Chips, eine Packung Kekse, ne Fertigpizza, fred ferkel, ein paar Gebäckstückchen und eine Packung Langnese. ob das wohl reicht? Egal, notfalls fahr ich eben nochmal los. Dann halt zu Rewe oder Kaufland. Nicht mal abwarten, bis ich zuhause war, konnte ich. 500m, vielleicht 2 Minuten Fahrtweg. Genug Zeit, um die erste Tafel Schokolade runterzuschlingen. Zuhause angekommen brauchte ich meist nicht länger als 2 Stunden, um alles aufzuessen. Bis zu 10000 kcal an einem Tag. Und jedes Mal hab ich mir geschworen, dass das das letzte Mal war. Dass ich nie wieder weinend mit Bauchweh und unglaublich wütend und traurig über mein erneutes „Versagen“ alleine in meinem Zimmer sitzen will. Dass ich nie wieder im Bad sitzen will und versuchen will, dass es wieder oben rauskommt (was zum Glück nie funktioniert hat). Dass ich stark sein will und so leben wie all die anderen um mich herum. 2 Jahre lang hab ich mir das gesagt. Und 2 Jahre lang hat niemand davon auch nur ansatzweise etwas mitbekommen. „Nati, du bist so dünn, iss doch mal was Süßes!“ Wie unglaublich wütend ich innerlich wurde, jedes mal, wenn ich diesen Satz gehört habe.. wie wütend ich war, wenn eine Klassenkameradin neben mir saß und fröhlich einen Donut verputzt hat und danach zufrieden und satt war. Wie gerne hätte ich auch einen Donut gegessen. ich hätte 20 Donuts auf einmal gegessen und wäre trotzdem nicht satt gewesen. Manchmal war ich so verzweifelt, dass ich über mich selbst lachen musste. Kennt ihr diese Fresswettbewerbe in Amerika, die man manchmal im Fernsehen sieht? Der erste Platz geht an Maik, er hat gerade einen neuen Rekord aufgestellt! 40 Hotdogs in einer halben Stunde. Ich hätte Maik locker geschlagen.
Ich wollte einfach aufhören. Ich wollte so leben wie vorher, wenn Mama kochte ohne nachzudenken 2 Teller Spaghetti mit fett Bolognese und Käse essen. Ich wollte mich betrinken und anschließend mitten in der Nacht Pommes und Pizza essen. Ich wollte Essengehen, ohne vorher zu hungern und den ganzen Tag im Kopf rumzurechnen, was ich noch essen kann, um mir Abends dann die Pizza zu gönnen. Ich hatte Angst. Angst vor dem Essen, Angst vor mir selbst. Angst vor der Zukunft. Was, wenn das nie aufhört? Muss ich für immer so leben? Wie kann ich mit einem Mann glücklich werden oder eine Familie gründen, wenn ich so lebe? Ich habe unglaublich viel geweint. Ich war alleine. Ich wollte alleine sein. Schon immer unglaublich sensibel und verletzlich  baute ich eine Mauer um mich herum. Eine Mauer aus leeren Kekspackungen und Chipsdosen. In dieser Zeit wurde mir alles egal. Mir konnte keiner mehr wehtun – alles was mir wichtig war, mein Lebensinhalt war das essen. Wieso mit Liebeskummer auseinandersetzen, wenn man so viel essen kann, bis man so betäubt ist, dass man nichts mehr spürt? Wieso traurig sein über die zerbrochene Familie, wenn man nur noch Augen für das eine hat? Kalorien waren meine besten Freunde. Und gleichzeitig meine größten Feinde. 

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich es geschafft habe. Wie ich „einfach“ aufgehört habe. Nun, dem war so nicht. Es war einer der härtesten und schmerzhaftesten Wege, die ich je gehen musste in meinem Leben. Und ich muss gestehen, ganz freiwillig bin ich ihn nicht gegangen. Die Stimme der Vernunft in mir hat viel dazu beigetragen, da es mir von Fressanfall zu Fressanfall nicht nur seelisch, sondern auch körperlich immer schlechter ging. Der Tag nach dem Fressanfall fühlte sich an, als hätte ich mich besoffen, ein paar Drogen hinterhergeschmissen und mich hinterher mit einer Horde wildgewordener Bestien geprügelt. Mein Gesicht war geschwollen (Wassereinlagerungen?), meine ganze Haut hat wehgetan. Der Magen hat geschmerzt, wenn man von außen draufgedrückt hat. Die Gelenke und die Knochen. Unglaubliches Sodbrennen, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Ja, essen kann körperlich kaputtmachen. Ich denke, wenn diese Symptome nicht eingetreten wären, würde ich noch heute fressen. Aber das tue ich nicht. Denn ich will LEBEN. Ich möchte nicht mit 40 an Bauchspeicheldrüsenkrebs sterben. Ich möchte nicht 2 Tage in der Woche mit schlimmen Sodbrennen und Kopfschmerzen verbringen. Ich möchte nicht aufstoßen müssen und diesen unglaublich abartigen Geschmack im Mund haben und ich möchte nicht den halben Tag in meinem dunklen Schlafzimmer liegen und schlafen, weil mein Körper vor lauter Carbkoma unglaublich schwach und müde ist.
Was ich möchte ist, dass ihr das auch schafft. Dass ihr aufhört zu fresst und eure Lebensfreude wiederbekommt. Dass ihr euch mit euch und euren Problemen auseinandersetzt und erkennt, dass Dinge, die ihr gerne esst, nicht verboten werden dürfen und nicht schlecht sind. Es gibt kein Patentrezept, um eine Essstörung zu besiegen. Es gibt Therapien, die vielleicht helfen können. Aber man kann sich auch unglaublich gut selbst helfen. Oft ist einem nicht bewusst, wie viel man mit Willenskraft und einer Portion Mut schaffen kann. Man hat Angst. Angst, es zu versuchen, aber dennoch nicht zu schaffen. Man hat Angst, nie wieder so leben zu können wie vor der ganzen komischen Sache mit dem Abnehmen und der Esserei. Der allererste Schritt und Meilenstein ist es gesund werden zu wollen. Dem Fressen Lebewohl zu sagen und sich davon zu verabschieden, kiloweise Schokolade in sich hineinzustopfen. Wenn du nicht hundertprozentig hinter der Sache stehst, dann wirst du es nicht schaffen können. Mach dir nicht selbst etwas vor. Es darf nicht mal 1% in dir sein, dass irgendwie doch noch fressen will. Nein!!
jeder kann es schaffen und ich will euch dabei helfen. Für euch schreiben, für euch da sein. Und mich zudem über jeden freuen, der sich dafür entscheidet, ein Teil von ProFit ( http://www.flexible-dieting.de ) zu werden. Denn dort wollen wir euch genau das zeigen – wie man normal essen kann, LEBEN kann und trotzdem abnehmen. Zu meiner „Genesungszeit“ gab es das ganze noch nicht. Drum freue ich mich heute umso mehr, dass ich daran mitwirken darf. Und dass es so viele Leute gibt, die mir schreiben, meine Beiträge lesen und für die ich solche Posts wie diesen hier schreiben kann. Ihr seid nicht allein meine Mäuse und nichts auf der Welt ist hoffnungslos. Ich hab es auch geschafft und guckt mich an, ich bin auch nur ein ganz normales Mädchen, so wie jede von euch. Und deshalb können wir das alle!

Ich hab euch lieb 💞

2 Kommentare zu “Die Sucht nach dem Essen

  1. Ich muss gestehen, ich ringe gerade nach Worten. Ich bin sprachlos. Platt! Dein Beitrag hat mich mitten ins Herz getroffen. Da, wo ich erkenne, dass auch ich mein Leben umkrempeln muss.
    Toller Beitrag und man merkt wirklich, wie viel dir daran liegt und wie viel Herzblut du in deine Projekte steckst!
    Danke für die ehrlichen Worte ♥

    Liebe Grüße
    Anne

  2. Wow ! Du bist so unglaublich stark! Ich habe auch sehr lange gebraucht meinen Weg aus der Essstörung zu finden! Aber es ist machbar! Ich wünsche dir alles Liebe der Welt für deinen weiteren Weg! Du kannst mich gerne auf meinem Blog besuchen !
    Ganz Liebe Grüße
    Laura

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s