Wieso ich mir einen Gedächtnisverlust wünschte

„Am liebsten hätte ich irgendeinen Unfall, wo ich mein Gedächtnis der letzten Jahre verliere. Dann wüsste mein Kopf einfach nicht mehr, dass er süchtig nach essen ist. Dann wär endlich wieder alles normal. So wie früher.“

Das habe ich während meiner schlimmen Esszeit fast täglich gedacht.

Wieso mir niemand mit einem Hammer auf den Kopf haut und all die Gedanken, die permanent ums Essen kreisen zu den Ohren rausfliegen und dahin verschwinden, wo der Pfeffer wächst. wie viele Kalorien hat eigentlich Pfeffer?

Heute fresse ich nicht mehr. Und mit fressen meine ich nicht eine Tafel Schokolade und ein paar Kekse. Sondern Massen. Zwischen 8000-12000 Kcal an nur einem Tag. Für den Normalo unvorstellbar, der eine Tafel Schokolade isst und dann aufhört, weil ihm schlecht ist. Betroffene wissen, wovon ich rede.

„bist du denn heute frei von all dem?“

Ich finde diese Frage unglaublich schwer zu beantworten. Jein.

Wenn ein Alkoholiker trocken wird, dann trinkt er keinen Alkohol mehr. Ein ex – Spielsüchtiger wird keine Spielothek mehr betreten. Doch ein Esssüchtiger kann das Essen nicht meiden. Er muss lernen zu essen um zu leben und nicht leben um zu essen. Das ist meiner Meinung nach das Schwerste an der ganzen Sache. Nicht, dass man in Versuchung geraten könnte wieder solch große Mengen zu essen, sondern dass man aufhört, jegliche Gedanken um Essen kreisen zu lassen. Dass man einfach isst, ohne sich zu fragen, ob der Donut da gerade 250 oder 300 Kalorien hat. Ein Gefühl dafür zu entwickeln, was normale Mahlzeiten sind, dass es ganz normal ist, mal mehr zu essen (aber nicht zu fressen!).
Ich habe 2 Jahre lang streng Kalorien gezählt. Ich kann die Kalorienangaben von jeglichen Lebensmitteln auf diesem Planeten auswendig. Die werde ich auch niemals vergessen. Aber ich habe meinem Hirn gelernt, zu essen, ohne in dem Moment des Essens darüber nachzudenken, wie viel ich da gerade esse und dass ich dann ja heute „nur noch“ so und so viel essen kann. Ich genieße. Ich weiß, es klingt schwer, aber mir hilft es, mich beim Essen komplett auf den Geschmack zu konzentrieren. sich hinterher zu fragen, ob man denn wirklich noch hunger hat und nicht in dem Moment des Essens schon panisch zu denken: oh nein, ich werd bestimmt nicht satt und es ist erst 14 Uhr und dann sind all meine Kalorien voll wenn ich noch eine Mahlzeit esse und dann werde ich ganz bestimmt fressen!!“

Nein. Anfangs hab ich oft innerlich versucht mit mir selbst zu reden. Dem kleinen Teufelchen den Mund zuzuhalten und das Engelchen sprechen zu lassen: „Ich weiß, dass Nati stark ist. Dass Nati nicht mehr zum Schrank rennt und alles auf einmal in sich reinfrisst.
Ich weiß, dass Essen das Gefühl, dass ich mich oft sehr einsam fühle und unverstanden, nicht negativieren wird. Essen ist keine Medizin. 1kg Schokolade auf einmal zu essen bringt nichts. Das ist kein Hunger was du da hast, sondern Verlangen/Gier/Sucht. Es macht dich depressiv, traurig und unglücklich!“

Wie ich es geschafft habe, mein Problem mit dem Essen zu überwinden? Auch wenn ich schon viel darüber geschrieben habe, es ist niemals alles gesagt. Aus diesem Grund schreibe ich momentan an einem gaaanz großen Text, wo ich all das reinpacken will. Mehr als nur ein Blogpost. Aber ihr müsst euch noch eine Weile gedulden ❤.

Eine Frage, mit der ich mich noch heute viel beschäftige ist, wieso man sich selbst so quält und foltert. Wenn man weiß, dass man am Folgetag eines Fressanfalls mit solch schrecklichen Bauchschmerzen im Bett liegt, schlimmes Sodbrennen hat, aufgequollen ist und zu nichts zu gebrauchen – wieso tut man es trotzdem immer wieder? Ich habe unglaublich lang gebraucht, um Antworten auf all diese Fragen zu finden, Lösungsansätze.
Und bald werde ich die mit euch teilen und hoffentlich einigen da draußen helfen können :).

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3 Kommentare zu “Wieso ich mir einen Gedächtnisverlust wünschte

  1. toller beitrag!💜 ich stecke in einer ähnlichen situation, allerdings „erst“ seit ein paar monaten. bitte bringe deinen beitrag sobald wie möglich, ich möcjte dich nicht drängen oder ähnliches aber ich hab das gefühl das er mir extrem weiter helfen könnte❤❤❤

  2. Liebe Nati, ich finde Deine Texte großartig da ich selbst in der Jugend mit Bulimie zu tun hatte die nach und nach in Binge umschlug. Ich habe das Coaching absolviert. Ich muss sagen, dass es für jemanden der laut BMI übergewichtig ist UND eine Essstörung hat, nichts ist. Die Carbs werden gegen Ende krass reduziert. Bei mir fingen richtig schlimme Fressanfälle dadurch erst an. Ich habe mich so geschämt und sogar einen Bulimie-Rückfall gehabt. Trotz dass ich mich beim Coach ausweinte, hat er meine Carbs nicht erhöht und ich hab mich selber noch mehr fertig gemacht, weil ich einfach solche schlimmen Gelüste nach Kohlenhydraten hatte, dass ich mich selbst nicht mehr kannte. Ich habe einen halben Leib trockenes Brot in ein paar Minuten verschlungen. Der Coach hat für Essgestörte keinerlei Verständnis und kann nur mit Kunden gut, die keine gesundheitlichen Beschwerden und keine psychischen Lasten haben. Meine Meinung ist, dass ProFit etwas für Menschen ist, deren Gewichtsproblem im Kopf stattfindet und nicht auf der Waage. Aber für jemand der am Boden ist und Probleme hat, ist das nichts. Ich hätte mir die 300 € lieber gespart und mich direkt um einen Klinikaufenthalt bemüht so wie ich es jetzt tue. Ein Coach sagte: „Wir sind keine Therapeuten!“ Wohl wahr… so wird es einem aber auf Insta ein wenig verkauft! Bitte denkt daran bevor ihr Eure letzte Hoffnung darauf setzt und so enttäuscht werdet wie ich! Ein tolles Programm – keine Frage, aber nicht für jemanden der ohnehin richtig fertig ist und Übergewicht hat! Ist nicht persönlich gemeint Nati, ich finde Dich wirklich spitze! LG

  3. Ich hab das Bingeeating genauso durchgemacht wie du.. Es is so krass wenn man darüber hinaus is und drüber nachdenkt was man sich eigentlich angetan hat.. Aber bei mir ist es so, dass wenn ich viel über die Essanfälle nachdenk wieder dieser fressdruck hochkommt… Kennst du das auch ?

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