Wie man allseits beliebt wird, glücklich und schlank – oder vom Sinn des Lebens

Wie man allseits beliebt wird, glücklich und schlank – oder vom Sinn des Lebens

Tauscht man oben das Wort Leben durch das Wort Lesen aus, erhält man einen Kinderbuchtitel von Eva Heller. Dieses Buch hat mir mein Onkel zu meiner Erstkommunion geschenkt. Ich habe als Kind hunderte von Büchern gelesen. An den Inhalt dieses Buches kann ich mich noch haargenau erinnern, obwohl ich es seit 13 Jahren nicht mehr in der Hand hatte.

Es geht um ein kleines Mädchen, das den lieben langen Tag vorm Fernseher sitzt, immer dicker wird. Die Eltern sie immer wieder zum Sport animieren wollen. Andere Kinder kennenlernen. Letztendlich ist es nicht der Sport, der das Leben von Melitta verändert, sondern das Lesen: Wie man allseits beliebt wird, glücklich und schlank – oder vom Sinn des Lesens.

Dieses Buch hat mich geprägt. Ich konnte mich mit Melitta identifizieren. Schon beim Auspacken hab ich damals geschluckt, war mir doch mit meinen 9 Jahren bewusst, dass ich weder schlank, noch sonderlich hübsch war. Was wollte mir mein Onkel damit sagen?! Die Jungs in der Grundschule haben mich immer geärgert. Gehört man zu den kleinen, süßen Mädels, die im Sportunterricht glänzen  und Liebesbriefe in ihren Federmäppchen finden, dann macht es einem wahrscheinlich nicht viel aus, wenn die Jungs einen auf dem Pausenhof ärgern. Wird man jedoch beim Spielen stets als Letzte gewählt, ist einen Kopf größer als die meisten anderen Kinder und hat trotz Apfelschnitzchen und gesundem Brot ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften, steckt man sowas nicht so leicht weg. Im Gegenteil.

Schon früh hab ich die Erfahrung gemacht, dass Leute andere Leute in Schubladen stecken. Nur, wer dünn und hübsch ist, ist beliebt. Dich guckt kein Junge an. Mein Selbstbewusstsein war vergleichbar mit dem einer Kartoffel, die mahnenden Worte meiner Mutter, ich solle doch bei Freundinnen nicht so viel Süßes essen, da ich dick genug sei, haben mir auch nicht wirklich weitergeholfen. Für mich gab‘s nie Popcorn im Kino. Stückchen vom Bäcker nur nach Arztbesuchen. Und leider auch kein Attest bei den Bundesjugendspielen. Schlimmster Alptraum.

Meine Jugend bestand aus einem Auf und Ab aus zu- und abnehmen. Von recht dürr mit 13, zu einem Wohlstandsbäuchlein mit 16, bis hin zu Binge Eating mit 18. Man verändert sich. Das Gefühl, wenn man zum ersten Mal nach dem jahrelangen Tragen einer festen Zahnspange mit der Zunge über die Zähne fährt. Wenn man zum ersten Mal alleine Klamotten einkauft, ohne Mama. Anfängt sich zu schminken. Plötzlich in Größe 36 passt.

Ich weiß noch, wie ich mit 13 heulend vor meinen Eltern stand, Mama und Papa durch einen Tränenschleier versuchte zu erklären, dass ich sicher niemals einen Mann finden werde und sie doch bitte beim Arzt anrufen sollen, damit der irgendwas macht, damit ich nicht noch größer werde. Mit 13. Ich war 1,72m groß.

Heute bin ich 23 Jahre alt. Das Teenager Dasein hab ich erfolgreich hinter mir gelassen. Trotzdem werde ich diese Gedanken und Gefühle nie vergessen. Ich hab mich in den Jahren unglaublich verändert. Innerlich und Äußerlich. Wenn ich im Fitnessstudio stehe, trainiere, meine Erfolge beobachte, werde ich trotz allem oft an die kleine Nati denken, die sich viel zu oft wie ein Versager gefühlt hat. Ich werde weiterhin mit Stolz meine Booty Gains bewundern und dabei trotzdem nicht vergessen, wie mich ein Junge in der Grundschule „Fette Tomate“ genannt hat. Und wenn mir wieder jemand ein Kompliment macht oder gar sagt, dass ich hübsch oder cool bin, dann werde ich trotzdem nie vergessen, wie ich mit 11 mit Zahnspange und Brille vorm Spiegel stand und mich gefühlt habe wie Lisa Plenske.

Viele Blogger rufen heutzutage zur Selbstliebe auf, mich eingeschlossen. Ich finde das toll!

Aber ich glaube, dass das viel weniger getan werden müsste, wenn auf dieser Welt nicht so viel Oberflächlichkeit, Gemeinheit und Fies sein existieren würde.

Menschen sind Rudeltiere. Nächstenliebe ist unglaublich wichtig. Oder einfach ein klein wenig netter und zuvorkommender sein. Mir ist es egal, wenn es Leute gibt, die mich nicht mögen. Mir ist egal, wenn gelästert wird. Ich weiß, wer ich bin, was ich kann und was mich ausmacht. Und das ist weder mein Körper, noch meine Klamotten oder Sonstiges. Heute weiß ich das. Damals wusste ich das nicht.

Aber meine Omi wusste das. Genau diese eine Person hat mir immer wieder vor Augen gehalten, dass ich schön bin, wie ich bin. Und noch besser im Gedächtnis als die Hänseleien der Kinder werden bei mir die strahlenden Augen meiner Omi mit den Worten „toll gemacht, Nätilein“ bleiben. Denkt mal drüber nach.

Eure Nati

2 Kommentare zu “Wie man allseits beliebt wird, glücklich und schlank – oder vom Sinn des Lebens

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen liebe Nati 🙂
    Ich kann Deine Geschichte so gut nachfühlen, weil sie meiner so ähnlich ist. Viel zu lange definierte ich mich lediglich über meinen Körper. Ich dachte, dass er es ist, der mich ausmacht. Nach einer langen und von Fressattacken geplagten Zeit habe ich durch ganz liebe Menschen endlich gelernt, dass dem nicht so ist, dass mich nicht allein mein Äusseres liebenswert macht. Leider nimmt mein Körperbild aber noch heute einen grossen Platz in meinem Leben ein.

    Ich bewundere Dich und finde es soo toll von Dir, wie Du mir und ganz vielen Anderen jeden Tag aus Neue Mut machst ❤
    Ich freue mich auf viele weitere Blogposts und Videos von Dir 🙂 ❤

  2. Du sprichst mir aus dem Herzen liebe Nati 🙂
    Ich kann Deine Geschichte so gut nachfühlen, weil sie meiner so ähnlich ist. Viel zu lange definierte ich mich lediglich über meinen Körper. Ich dachte, dass er es ist, der mich ausmacht. Nach einer langen und von Fressattacken geplagten Zeit habe ich durch ganz liebe Menschen endlich gelernt, dass dem nicht so ist, dass mich nicht allein mein Äusseres liebenswert macht. Leider nimmt mein Körperbild aber noch heute einen grossen Platz in meinem Leben ein.

    Ich bewundere Dich und finde es soo toll von Dir, wie Du mir und ganz vielen Anderen jeden Tag aus Neue Mut machst ❤

    Ich freue mich auf viele weitere Blogposts und Videos von Dir 🙂 ❤

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